„Du kannst dir deine Mitgift dorthin stecken wohin die Sonne nie scheint!“ brüllte Fabienne ihren Vater an, drehte sich um und stampfte Türen knallend aus dem Anwesen. Kurz ließ sie ihren Blick über den Hof schweifen, sog tief die warme Mittagsluft ein und stieß sie wütend wieder aus. Dann eilte sie über den sauberen, knirschenden Kies zu den Stallungen. Undamenhaft vor sich hin fluchend sattelte sie in aller Eile ihr Pferd. Von draußen hörte sie schon die Bediensteten und ihren Vater nach ihr rufen. Weiter vor sich hin schimpfend schwang sie sich auf den Rücken ihres Schimmels und trieb ihn zur Eile an. Er trabte aus dem Stall, rannte einen Diener um und Fabienne gab dem Pferd die Sporen. Im gestreckten Galopp preschte sie durch den Hof, die Anfahrt entlang und weg von ihrem Familiensitz. Eine Weile verfolgten sie die Schreie ihres Vaters noch. Sie ließ ihr Pferd laufen bis es nicht mehr konnte, dann suchte sie sich eine Unterkunft für die Nacht. Verwöhnt von einem Leben in dem es einem an nichts mangelte, nahm sie sich das beste Zimmer in einer Gastwirtschaft in einem kleinen Dorf.

Später in ihrem Leben fragte sie sich öfter wie sie nur so dumm hatte sein können, denn diese Nacht war kurz, sehr kurz. Sie hatte sich gerade zum Schlafen hingelegt, da hörte sie schwere Stiefel nach oben kommen und einen Augenblick später jemanden mit der Faust an die Tür hämmern.

„Mädchen, mach auf!“ befahl eine raue Männerstimme.

Fabienne wartete nicht lange, sie sprang aus dem Bett und riss das Fenster auf, unter ihr ein Vordach.

„Mach auf!“ donnerte es noch einmal von hinten, dann trat jemand gegen die Tür. Fabienne lies sich vom Fenster hinunter, rutschte auf dem Vordach aus und fiel in den Matsch der Straße.

„Heute muss mein Glückstag sein, es regnet Frauen!“ eine nicht unfreundliche Stimme zeichnete Entsetzen in Fabiennes Gesicht. Sie sah auf und sah einem graubärtigen Mann ins Gesicht. Er reichte ihr eine gepanzerte Hand. Sie musterte erst die Hand dann den gut gerüsteten Arm und dann den Rest, der in einer glänzenden Ritterrüstung steckte. Den Helm hatte er unter den linken Arm geklemmt, ein Schwert hing an seiner Seite und ein Wappen. Fabiennes Blick blieb auf dem Wappen hängen, dann sah sie wieder dem Mann ins Gesicht.

„Hat Euch mein Vater geschickt?“ fragte sie und konnte die Wut in ihrer Stimme kaum verbergen. Der Ritter hielt ihr geduldig die Hand weiterhin hin.

„Einzig und allein schickt mich die göttliche Maid.“

Aus der Wirtschaft drangen wütende Stimmen und Getrampel, der Ritter stand ungerührt weiterhin in der Tür, die Hand ausgestreckt. Fabienne überlegte noch einmal kurz, dann lies sie sich aufhelfen.

„Da draußen ist sie!“ kam es von innen. „Geh mir aus dem Weg, Ritter.“ Blaffte die raue Stimme. „Die Kleine kommt mit uns!“

Langsam drehte sich der Ritter um und machte einen Schritt in den Schankraum. Stille folgte. Ein weiterer schwerer Schritt und das eiserne Reiben der Rüstung waren zu hören.

„Wenn die Herrschaften ein Problem mit mir haben,“ sagte er ruhig, „dann können wir das gerne draußen ausdiskutieren.“

Er machte einen Schritt zur Seite und gab die Tür frei, mit einer eleganten Handbewegung deutete er zur Straße hinaus. Fabienne duckte sich in den Schatten der Hauswand, sie wagte es nicht sich zu rühren.

„Wenn nicht“, fuhr er nach einer wortlosen Pause fort, „dann geht jetzt wohl jeder besser seiner Wege. Aber die Frau bleibt hier!“ schloss er mit einer Endgültigkeit in seiner Stimme, die die beiden Häscher einen Blick wechseln und sie fluchtartig das Gebäude verlassen ließ. Am Tor drehte sich einer der beiden noch einmal um.

„Wir kriegen dich Fabienne, du kannst dich nicht ewig hinter dem Blechmann verstecken!“

Fabienne versuchte sich den Dreck von ihrem Nachthemd zu wischen. Erfolglos starrte sie auf ihre dreckigen Hände, während der Ritter auf sie zu trat.

„Mademoiselle Fabienne, richtig? Holt Eure Habseligkeiten, hier werdet Ihr keine Ruhe haben.“ Fabienne nickte nur, sie wusste nicht was sie tun sollte, aber eins wusste sie genau, zu ihrem Vater wollte sie nicht zurück. Als die Pferde gesattelt waren und sie eine Zeit lang schweigend nebeneinander her geritten waren, sah der Ritter sie an.

„Nun erzählt mir, warum diese Männer hinter Euch her waren?“

Wieder verging die Zeit schweigend, doch der Ritter harkte nicht nach. Fabienne seufzte, dann brach es aus ihr hervor, Verzweiflung in der Stimme.

„Ich will diesen Arsch von Gutsbesitzer nicht heiraten, mir ist es scheiß egal, dass mein Vater dadurch sein Land nicht mehrt. Ich will diesen verdammten, stinkenden Ghul nicht… der ist alles andere als attraktiv, er ist alt und hat schon zwei Frauen verbraucht, ein grober, verrohter, alter Klotz. Das blanke Gegenteil von Ritterlichkeit.“

Sie schielte zu ihrem Retter.

„Und Ihr? Wer seid Ihr?“

Er sah sie an.

„Ich bin Yanis L’ainé, Ritter der Herrin vom See und ich bringe Euch zu ihrem Tempel, vorerst.“

Das war vor 15 Jahren. Jetzt bin ich Priesterin der Herrin vom See und manchmal auch Ritterin und ganz selten auch mal die nette Dame die einfach nur dasitzt, höflich nickt und nur schön aussieht, aber wirklich nur ganz selten, den meine eigentlichen Aufgaben sind das Leben im Tempel, die Versorgung von Verwundeten und anderen Hilfsbedürftigen, Vorbereitung von Messen und das Abhalten selbiger, was eben so anfällt. Ab und zu gebe ich auch mal einem Ordensritter vor einer wichtigen Mission den Segen der Herrin mit, auf dass er für sie Ruhm und Ehre bringt und vor allem wieder heil nach Hause kommt. Alles schön von der Sicherheit des Tempels aus, bis zum heutigen Tag. Vor ein paar Stunden war noch alles gut und schön, bis Ihre Eminenz Johanna la Vertueux mich rufen lies.

„Fabienne“, sprach sie mich mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich habe einen Auftrag für Euch. Es gibt etwas das Ihr für mich ergründen müsst. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass ein gewisser Chevalier Aramis du Lac mit Gefolge angeblich eine Begegnung mit der Herrin hatte, finde heraus ob dem so war und wie genau es von Statten ging. Ferner wurde ich gebeten genau für jene Gruppe jemanden zu entsenden, der den Chevalier in seinem Bestreben 7×7 Heldentaten zu vollbringen unterstützt. Ich denke, dass Ihr, liebe Fabienne, genau die Richtige dafür seid. Eure Fähigkeiten in der Heilkunst sind sehr gut und die Segen die Ihr an unsere Ritter verteilt, werden immer gerne angenommen. Noch heute werdet Ihr Euch auf den Weg machen um Euch dem Chevalier anzuschließen.“

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich, ausgerechnet ich auf Reisen, ich mochte diese Unannehmlichkeiten noch nie.